Es läuft auch ohne Prediger
Andreas Werner, der Leiter der Baptistengemeinde in Güstrow hat heute Abend eine knall orangene Rettungsweste an. Neben ihm sitzt Oliver Holler, ebenfalls aus der Baptistengemeinde. Sie werfen sich den Ball gegenseitig zu. Nachdem der eine die Teilnehmer der diesjährigen Allianzgebetswoche begrüßt hat, sagt der andere das erste Lied an. Dann gibt es ein paar einführende Gedanken zum Thema: „Zeugen sein- damit Menschen gerettet werden.” Wieder ein flottes Lied, am Klavier von Oliver Holler begleitet, dann eine kurze Auslegung zum Bibeltext des Abends. Im Anschluss wird gebetet. In kleinen Gruppen von etwa 5 Leuten setzen sich die Besucher des Abends zusammen. So gestalten wir das an drei von fünf Abenden. In den kleinen Grüppchen trauen sich auch die sonst stillen Beter, mal einen Satz laut zu sagen. Am nächsten Abend bekommen die Grüppchen je einen Gebetszettel. Jede Gemeinde hat zwei Dinge aufgeschrieben, für die sie im vergangenen Jahr besonders dankbar sind. Dann wird konkret gedankt und konkret gestaunt über Gottes Treue. Jeweils zwei Anliegen pro Gemeinde, als Bitten formuliert, folgen. Mein Eindruck: Hier sitzen nicht nur Beter zusammen, sondern hier findet echte Begegnung statt.
Am nächsten Abend hat wieder ein Ehrenamtlicher die Leitung. Diesmal aus der Pfarrgemeinde. Ich hatte Herrn Bombel angefragt, ob er sich das vorstellen könnte. „In diesem Jahr wollen wir es ausprobieren, dass die Woche komplett ohne Pastoren und Prediger läuft”, sage ich ihm. Warum? Weil die Evangelische Allianz eigentlich kein Zusammenschluss von Gemeinden oder gar von Pastoren ist, sondern von „evangelisch gesinnten Christen verschiedener Gruppen- und Gemeindezugehörigkeiten”. So steht es auf der Internetseite der Evangelischen Allianz. Das sollte in der Gebetswoche doch auch deutlich werden. Herr Bombel meint am Gartenzaun. „Warum nicht, ich versuche es. Und im Begleitheft steht ja auch alles drin.”
An „seinem” Abend gibt es dann statt einer Andacht ein Rundgespräch zum Bibeltext. Jeder darf sagen, was ihn am Text persönlich anspricht und warum. Es ist nicht einfach, die Redefreude der knapp 40 Teilnehmer im Zaum zu halten. Doch Pastor Ortmann hilft an dieser Stelle mit viel Geschick, das Gespräch zu leiten.
Am Freitag ist die Runde mit 15 Personen recht klein. In schriftlicher Einzelarbeit und Stille erinnern sich die Teilnehmer vor dem gemeinsamen Gebet an wichtige Worte ihrer Eltern und Großeltern. „Zeuge sein – von Generation zu Generation”, – was ist uns in Erinnerung geblieben und haben es selbst als hilfreich weitergegeben? Zwei der Teilnehmer, zufällig Mutter und Sohn, berichten im Anschluss allen andern, wie sie das erlebt haben.
So wurden alle Abende einschließlich des Eröffnungsgottesdienstes von Ehrenamtlichen der beteiligten Gemeinden gestaltet. Nur die Predigt war noch Pastorensache.
Der Gesamteindruck: Alle, die ich fragte, fanden die Abende belebend und aufgelockerter als sonst. Einer der Leiter sagte zu mir: „Erst dachte ich, jetzt müssen wir das auch noch machen, aber dann empfand ich es selbst als großen Gewinn.” Also dann, das Nachmachen und Kopieren sei wärmstens empfohlen.
Daniel Queißer, Güstrow



